Einer hatte den Mut mit seinen Problemen in die Öffentlichkeit zu gehen. Stefan Krastel ist von Kehl in Baden Würtemberg nach Berlin gelaufen, um auf die verzweifelte Situation pflegender Angehöriger hinzuweisen. Er hat viel Aufmerksamkeit erreicht, aber wenn wir wollen, dass sich etwas ändert, dann muss die Solidarität der pflegenden Angehörigen sich auch politsch äußern.
Es wird nur dann Fortschritte in der häuslichen Versorgung geben wenn es eine Lobby für pflegebedürftige Menschen und die pflegenden Angehörigen gibt. Die Pflege eines erkrankten Menschen ist eine Herausforderung, seelisch und wirtschaftlich.
Die Politik kann niemandem seine seelischen Nöte abnehmen, aber sie kann die materiellen Rahmenbedingungen schaffen, um Pflege zu ermöglichen. Es geht nicht in um "mehr Geld". Es geht darum die Strukturen in denen das Geld ausgegeben wird zu verändern. Es geht um Geld wofür.
Geld ist nur ein Werkzeug, um Ziele zu erreichen, nicht, um Statistiken zu füllen und Rechtfertigungen für politisches Handeln zu geben. Nicht "wir haben doch alles versucht", nicht "wir haben doch Millionen ausgegeben" ist es was die Pflegebedürftigen erwarten. Sie erwarten dass ihnen geholfen wird, das ihre notwendigen Bedürfnisse erfüllt werden. Es reicht nicht der Nachweis des Bemühens der Verantwortlichen, sondern nur die Ergebnisse zählen. Das macht Führung, auch politische Führung, aus.
Welche Ziele, welche Wünsche haben wir selbst, wenn wir an unsere Zukunft denken? Den Wunsch nach einer reinen "Satt und Sauber"-Pflege, oder eher den Wunsch nach menschlicher Zuneigung, nach Nähe und Geborgenheit? Ich habe den Wunsch nach menschlicher Zuneigung, nach Nähe und Geborgenheit.
Ich vertrete daher auch das Ziel "Daheim statt Heim". Aber ist das ein realistisches Ziel? Nein, das ist es nicht, denn die Chance auf "Daheim statt Heim" sieht das System heute nicht vor.
Was steht dem im Wege? Warum ist es heute ein unrealistischer Traum?
Die Pflege in der Familie, die Pflege durch einen vertrauten Menschen, die Pflege im eigenen Zuhause, ein selbstbestimmtes Leben auch im Alter erfordern einen Menschen, der diese Pflege leistet, der Zuneigung gibt. Das ist aber nicht möglich, wenn dieses Ziel allen Beteiligten, dem Pflegebedürftigen und denPflegenden, die materielle Lebensgrundlage entzieht.
Die Pflegeversicherung versorgt nur Heim und gewerblichen Pflegediendienst mit einer wahrnehmbaren finanziellen Ausstattung. Die gegenwärtige Situation bestraft zusätzlich den, der für seine eigene Zukunft vorsorgt.
Wer spart, um es später einmal besser zu haben, um sich eben später jemanden leisten zu können, der die Hilfe leistet, der hat sein Geld verschenkt. Warum?
Weil es fast niemanden gibt, der die Kosten der Pflege selbst finanzieren kann. Weil die meisten Pflegebedürftigen auf Hilfen angewiesen sind, für die dann aber nur die Sozialbehörden aufkommen. Das tun sie aber erst, wenn die eigene Altersvorsorge, das eigene "Vermögen" aufgebraucht ist.
In vielen Fällen hat das nur ein Ergebnis: Was ich heute für später spare, das erspare ich dem Sozialamt. Das mag moralisch hochwertig sein, der Gemeinschaft Kosten zu ersparen, aber es zerstört die Lebensgrundlage derer, die Eigenverantwortung übernommen haben. Es nimmt den Menschen die Chance für den Pflegefall sinnvolle Vorsorge zu treffen.
Ja, die Pflegeleistungen der Pflegeversicherung sind nicht vom Einkommen abhängig, aber sie sind auch nicht so einsetzbar, wie es dem Ziel "Daheim statt Heim" entspricht. Häusliche Pflege ist ist oft eine Ganztagsaufgabe, die kann man aber nicht neben einem normalen Berufsleben erfüllen. Diese Aufgabe kann auch kein Pflegedienst für das zur Verfügung stehende Geld erbringen, das schafft für das Geld aus der Pflegeversicherung auch kein Pflegeheim.
Wer es aber schaffen kann, das sind die pflegenden Angehörigen, aber die bekommen das Geld nicht.
Zurück zu Stefan Krastel: Er ist ein Beispiel für ein solches Schicksal. er pflegt seine Mutter, er hat seinen Job dafür aufgegeben. Aber die materielle Grundlage für die Pflege gibt es nicht mehr. Sie wird zerstört. Er erbringt die volle Sachleistung, die ein Pflegediendienst, die ein Pflegeheim erbringen würde, aber er bekommt nicht die entsprechende Leistung aus der Pflegeversicherung. Was bedeutet dies? Wenn die eigenen Reserven verbraucht sind wird er die Pflege seiner Mutter nicht mehr leisten können. Das bedeutet für die Gesellschft höhere Kosten durch ein Pflegeheim, weniger Lebensqualität für die Mutter, die Pflegebedürftige, und eine zerstörte Existenz.
Ist das Geld für die Pflege der Mutter im Heim wirklich sinnvoll ausgegebenes Geld, wenn es so kommt? Es wird teurer, viel teurer als die Option den Pflegenden, wenn sie die Leistung erbringen, auch die Leistungen auszubezahlen, die eine gewerbliche Einrichtung aus der Pflegeversicherung erhalten würde.
Reich wird damit kein pflegender Angehöriger, aber das Geld würde sinnvoll ausgegeben. Es käme den Pflegebedürftigen zu Gute, es würde die Lebensgrundlage der Familien stärken, und eine Option auch für unser aller Alter eröffnen.
Stefan Krastel hat jetzt Post von der Bank bekommen. Er berichtet:
- Diese Woche bekamen wir Post von der L-Bank. Wenn unser Haus bis zum 30.6. nicht verkauft ist bzw. der Verkauf nicht direkt bevorsteht, wird "unmittelbar die Zwangsversteigerung und Zwangsverwaltung des Hauses beantragt".
Ist das der Sinn, ist das das Ziel der "sozialen" Pflegeversicherung?
Christian Schulz
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